Die Ölbergrede Jesu und die Offenbarung

Eine chronologische Auslegung der Offenbarung, wie ich sie erstellt habe, ist zwar kein Einzelfall, aber doch selten. Außerdem macht eine Auslegung nur dann Sinn, wenn sie mit anderen Prophetien vereinbar ist und von ihnen bestätigt wird. Wir brauchen also eine “Referenz-Prophetie”, die zumindest teilweise die gleiche Zeit beschreibt wie die Offenbarung und sich mit meiner Auslegung deckt. Eine Prophetie, die ich bisher überhaupt nicht im Blick hatte, ist die Ölbergrede Jesu. Dieses Versäumnis will ich heute nachholen und die Ölbrergrede mit der Offenbarung vergleichen.

Die Ölbergrede

Am Palmsonntag zog Jesus unter großem Jubel der Bevölkerung in Jerusalem ein. Das war das erste und einzige Mal, dass Er sich als Messias gezeigt hatte. Beim Volk war Er beliebt, wie Er es noch nie zuvor – und auch danach nicht mehr war. Die Woche begann mit der Tempelreinigung (Matthäus 21,12-13) und war gefüllt mit Wortgefechten mit den Pharisäern, Gleichnissen für Seine Zuhörer sowie Lehren für die Jünger. Eine wichtige Lehre war die Rede, die Er hielt, als Er mit Seinen Jüngern allein auf dem Ölberg war. Die Ereignisse in der Woche vor Passah habe ich auch im Artikel “Die Woche vor Passah” verarbeitet.

Die Ölbergrede wird in den synoptischen Evangelien Matthäus, Markus und Lukas erzählt. Die Reihenfolge von Jesu Prophetien auf dem Ölberg ist in allen drei Evangelien gleich. Das Matthäus-Evangelium berichtet am ausführlichsten, deshalb nehme ich es für diesem Artikel.

Am Mittwoch ging Jesus mit Seinen Jüngern auf den Ölberg. Er hatte im Tempel mal wieder Diskussionen mit den Pharisäern und Sadduzäern geführt und nun war es Zeit, Seine Jünger zu lehren. Der wesentliche Inhalt von dem, was Seine Jünger erfuhren, waren Prophetien, die zum großen Teil die nahe Zukunft der Jünger, aber auch die Endzeit betrafen.

1 Jesus trat hinaus und ging vom Tempel hinweg. Und seine Jünger kamen herzu, um ihm die Gebäude des Tempels zu zeigen. 
2 Jesus aber sprach zu ihnen: Seht ihr nicht dies alles? Wahrlich, ich sage euch: Hier wird kein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht abgebrochen wird!
3. Als er aber auf dem Ölberg saß, traten die Jünger allein zu ihm und sprachen: Sage uns, wann wird dies geschehen, und was wird das Zeichen deiner Wiederkunft und des Endes der Weltzeit sein? 

Matthäus 24,1-3

Jesus war hier mit Seinen Jüngern alleine, da stellt sich zunächst die Frage, für wen sind Jesu Aussagen bestimmt: Für die Juden oder für die Christen? Seine Jünger waren ausnahmslos Juden, die aber nach der Himmelfahrt die Gemeinde bilden würden. Jesu Prophetien werden zweimal erfüllt: Das erste Mal knapp 40 Jahren nach Himmelfahrt bei der Zerstörung Jerusalems. Diese Erfüllung betrifft die junge Gemeinde. Die zweite Erfüllung wird in der Endzeit geschehen, wir wir das sehen werden, wenn wir Jesu Prophetie mit der Offenbarung vergleichen. Diese Aussagen sind für Christen und Juden gleichermaßen bestimmt.

Die Ölbergrede und die Offenbarung

Um die Fragen der Jünger zu beantworten, hält Jesus Seine Rede. Wir wollen einmal Seine Prophetien in der Ölbergrede mit der Offenbarung vergleichen. Dabei werden wir Parallelen erkennen, aber auch die Weisheit und Voraussicht Jesu, weshalb Er in Seiner prophetischen Rede etwas tut, was es sonst in keiner anderen Prophetie gibt.

Matthäus 24,4-30 (Ölbergrede)Offenbarung 6,2-17 (Siegelgerichte)
4 Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Habt acht, dass euch niemand verführt! 
5 Denn viele werden unter meinem Namen kommen und sagen: Ich bin der Christus! Und sie werden viele verführen.
1. Siegel: Der Antichrist verführt die Menschen
2 Und ich sah, und siehe, ein weißes Pferd, und der darauf saß, hatte einen Bogen; und es wurde ihm eine Krone gegeben, und er zog aus als ein Sieger und um zu siegen.
6 Ihr werdet aber von Kriegen und Kriegsgerüchten hören; habt acht, erschreckt nicht; denn dies alles muss geschehen; aber es ist noch nicht das Ende. 
7a Denn ein Heidenvolk wird sich gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere;
2. Siegel: Unfrieden, Chaos, Krieg
3 Und als es das zweite Siegel öffnete, hörte ich das zweite lebendige Wesen sagen: Komm und sieh! 
4 Und es zog ein anderes Pferd aus, das war feuerrot, und dem, der darauf saß, ihm wurde gegeben, den Frieden von der Erde zu nehmen, damit sie einander hinschlachten sollten; und es wurde ihm ein großes Schwert gegeben.
7b und es werden hier und dort Hungersnöte, Seuchen und Erdbeben geschehen.3. Siegel: Hungersnöte
5 Und als es das dritte Siegel öffnete, hörte ich das dritte lebendige Wesen sagen: Komm und sieh! Und ich sah, und siehe, ein schwarzes Pferd, und der darauf saß, hatte eine Waage in seiner Hand. 
6 Und ich hörte eine Stimme inmitten der vier lebendigen Wesen, die sprach: Ein Maß[ Weizen für einen Denar, und drei Maß Gerste für einen Denar; doch das Öl und den Wein schädige nicht!
4. Siegel: Tod durch Hunger und Seuchen
7 Und als es das vierte Siegel öffnete, hörte ich die Stimme des vierten lebendigen Wesens sagen: Komm und sieh!
8 Und ich sah, und siehe, ein fahles Pferd, und der darauf saß, dessen Name ist »der Tod«; und das Totenreich folgt ihm nach. Und ihnen wurde Vollmacht gegeben über den vierten Teil der Erde, zu töten mit dem Schwert und mit Hunger und mit Pest und durch die wilden Tiere der Erde.

Jesus spricht nicht direkt vom Tod (4. Siegel in der Offenbarung). Er spricht lediglich von “Hungersnöten und Seuchen” und meint damit auch den Tod, der durch Hunger und Seuchen kommt.

8 Dies alles ist der Anfang der Wehen. 
9 Dann wird man euch der Drangsal preisgeben und euch töten; und ihr werdet gehasst sein von allen Heidenvölkern um meines Namens willen. 
10 Und dann werden viele Anstoß nehmen, einander verraten und einander hassen. 

11 Und es werden viele falsche Propheten auftreten und werden viele verführen. 
12 Und weil die Gesetzlosigkeit überhandnimmt, wird die Liebe in vielen erkalten. 
13 Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden. 
14 Und dieses Evangelium vom Reich wird in der ganzen Welt verkündigt werden, zum Zeugnis für alle Heidenvölker, und dann wird das Ende kommen. 
5. Siegel: Christenverfolgung
9 Und als es das fünfte Siegel öffnete, sah ich unter dem Altar die Seelen derer, die hingeschlachtet worden waren um des Wortes Gottes willen und um des Zeugnisses willen, das sie hatten. 
10 Und sie riefen mit lauter Stimme und sprachen: Wie lange, o Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, richtest du nicht und rächst nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen?

Jesus hat bisher jedes Siegel in chronologischer Reihenfolge angesprochen. Jetzt tut Er das aus guten Gründen nicht mehr, denn Er überspringt jetzt das sechste und siebte Siegel und die Posaunengerichte und kommt sofort zur Flucht Israels in die Wüste. Warum Er das tut, erkläre ich später.

15 Wenn ihr nun den Gräuel der Verwüstung, von dem durch den Propheten Daniel geredet wurde, an heiliger Stätte stehen seht (wer es liest, der achte darauf!), 
16 dann fliehe auf die Berge, wer in Judäa ist; 
17 wer auf dem Dach ist, der steige nicht hinab, um etwas aus seinem Haus zu holen, 
18 und wer auf dem Feld ist, der kehre nicht zurück, um seine Kleider zu holen. 
19 Wehe aber den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen! 
20 Bittet aber, dass eure Flucht nicht im Winter noch am Sabbat geschieht. 
21 Denn dann wird eine große Drangsal sein, wie von Anfang der Welt an bis jetzt keine gewesen ist und auch keine mehr kommen wird. 
22 Und wenn jene Tage nicht verkürzt würden, so würde kein Fleisch gerettet werden; aber um der Auserwählten willen sollen jene Tage verkürzt werden. 
22 Und wenn jene Tage nicht verkürzt würden, so würde kein Fleisch gerettet werden; aber um der Auserwählten willen sollen jene Tage verkürzt werden. 

23 Wenn dann jemand zu euch sagen wird: Siehe, hier ist der Christus, oder dort, so glaubt es nicht! 
24 Denn es werden falsche Christusse und falsche Propheten auftreten und werden große Zeichen und Wunder tun, um, wenn möglich, auch die Auserwählten zu verführen. 
25 Siehe, ich habe es euch vorhergesagt. 
26 Wenn sie nun zu euch sagen werden: »Siehe, er ist in der Wüste!«, so geht nicht hinaus; »Siehe, er ist in den Kammern!«, so glaubt es nicht! 
27 Denn wie der Blitz vom Osten ausfährt und bis zum Westen scheint, so wird auch die Wiederkunft des Menschensohnes sein. 
28 Denn wo das Aas ist, da sammeln sich die Geier. 
Offenbarung 12,13-14

Kapitel 12: Die Flucht der Frau (=Israel)
13 Und als der Drache sah, dass er auf die Erde geworfen war, verfolgte er die Frau, die den Knaben geboren hatte. 
14 Und es wurden der Frau zwei Flügel des großen Adlers gegeben, damit sie in die Wüste fliegen kann an ihren Ort, wo sie ernährt wird eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit, fern von dem Angesicht der Schlange. 

Wenn wir Jesu Prophetie mit der Offenbarung vergleichen, beschreibt Er zunächst die ersten fünf Siegel, überspringt dann die verbleibenden zwei Siegel und die Posaunengerichte und kommt sofort bis zur Mitte der letzten Jahrwoche. Er springt also von Offenbarung 6 nach Offenbarung 12 und überspringt somit über 3 1/2 Jahre, weil Er wusste, dass die Christen noch zu ihrer Lebzeit die Erfüllung Seiner Prophetie erwarteten und auf Zeichen achteten, die auf die Erfüllung hindeuteten.

Erst spricht Jesus vom “Gräuel der Verwüstung”, jetzt kommt Er zum sechsten Siegel. Er springt in Seiner Prophetie wieder zurück. Der folgende Abschnitt gehört in der Zeitleiste eigentlich zum 5. Siegel. Auch die “Drangsal jener Tage”, von der wir im Vers 29 lesen, ist die Zeit nach dem fünften Siegel. Der Vers 29 (sechstes Siegel) schließt also an Vers 10 (fünftes Siegel) an.

29 Bald aber nach der Drangsal jener Tage wird die Sonne verfinstert werden, und der Mond wird seinen Schein nicht geben, und die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels erschüttert werden. 
30 Und dann wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen, und dann werden sich alle Geschlechter der Erde an die Brust schlagen, und sie werden den Sohn des Menschen kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit. 
6. Siegel: Hesekiel-Krieg
12 Und ich sah, als es das sechste Siegel öffnete, und siehe, ein großes Erdbeben entstand, und die Sonne wurde schwarz wie ein härener Sack, und der Mond wurde wie Blut; 
13 und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde, wie ein Feigenbaum seine unreifen Früchte abwirft, wenn er von einem starken Wind geschüttelt wird.
14 Und der Himmel entwich wie eine Buchrolle, die zusammengerollt wird, und alle Berge und Inseln wurden von ihrem Ort weggerückt. 
15 Und die Könige der Erde und die Großen und die Reichen und die Heerführer und die Mächtigen und alle Knechte und alle Freien verbargen sich in den Klüften und in den Felsen der Berge, 
16 und sie sprachen zu den Bergen und zu den Felsen: Fallt auf uns und verbergt uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes! 
17 Denn der große Tag seines Zorns ist gekommen, und wer kann bestehen? 

Warum springt Jesus in Seiner Prophetie vor und zurück?

Die Reihenfolge, die Jesus in Seiner Prophetie wählt, ist auf dem ersten Blick verwirrend. Man muss schon zweimal hinsehen. Warum stellt Er die Flucht Israels in die Wüste vor das sechste Siegel? Aus der Offenbarung wissen wir, dass das sechste Siegel vor der letzten Jahrwoche geöffnet wird, die Flucht Israels in die Wüste findet aber erst in der Mitte der letzten Jahrwoche statt, also 3 1/2 Jahre später. In der Prophetie sind Zeitsprünge in einer Aussage nichts Ungewöhnliches, aber immer nur vorwärts. Hier springt Jesus aber zuerst vorwärts, dann wieder zurück. Das ist einmalig und kommt meines Wissens sonst nie in der Prophetie vor. Warum also macht Er das?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir die zwei Erfüllungen Seiner Prophetie genauer betrachten:

Naherfüllung im Jahr 70 n.Chr.

Dies ist die Erfüllung der Prophetie, die die noch junge Gemeinde bis zur Zerstörung Jerusalems betrifft. Sie erwarteten gemäß Jesu Aussage nach der Christenverfolgung unter Nero (der von 54 bis 68 Kaiser war) den “Gräuel der Verwüstung”. Sie wussten nicht, dass Jesus in Seiner prophetischen Rede einige Ereignisse ausgelassen hat.

Jesus wusste natürlich von der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. Vespasian wurde 67 n. Chr. von Nero nach Jerusalem geschickt, um den jüdischen Aufstand niederzuschlagen. Als Nero ein Jahr später starb, riefen die römischen Legionen Vespasian zum neuen Kaiser aus, der den Oberbefehl über die Truppen seinem Sohn Titus übergab und nach Rom ging, um sich zum Kaiser krönen zu lassen. In dieser Zeit ruhte die Belagerung Jerusalems. Die Christen, die in der Belagerung den “Gräuel der Vernichtung” sahen, nutzten die Chance und flohen aus Jerusalem in die Stadt Pella, östlich vom Jordan.

Hätte Jesus in Seiner Prophetie die Reihenfolge der Offenbarung eingehalten und vor der Flucht aus Israel das sechste Siegel erwähnt, bei dem Zeichen an Sonne, Mond und Sternen geschehen, hätten die Christen während der Belagerung gedacht: “So lange Sonne, Mond und Sterne unverändert sind, gibt es keinen Gräuel der Verwüstung”. Sie wären in der Stadt geblieben und bei der folgenden Zerstörung getötet worden.

Auch in den darauf folgenden innerjüdischen Kämpfen wären viele Christen ums Leben gekommen. Flavius Josephus schreibt von einer sechsstelligen Zahl an Opfern, die nur durch die Römer hingerichtet wurden, aber auch die Juden ermordeten einander in den Kämpfen verschiedener Gruppierungen. Weil die Christen innerhalb der jüdischen Bevölkerung ohnehin als feindliche Sekte angesehen wurden, wären sie spätestens in dieser Zeit wahrscheinlich vollständig vernichtet worden.

Weil Jesus aber die Reihenfolge Seiner Prophetie veränderte, waren die Christen bei der Belagerung gewarnt und konnten während der Belagerungspause aus Israel fliehen. Die Folge: Kein Christ verlor bei der Zerstörung Jerusalems sein Leben, wie der Kirchenvater Eusebius berichtete. Jesus gab Seinen Jüngern die Pophetie in genau dieser Reihenfolge, um sie zu schützen. Sie waren Sein “Startkapital” für eine weltweite Gemeinde.

FernErfüllung in der Endzeit

Die zweite Erfüllung der Ölbergrede wird in der Endzeit erfolgen. Dann werden die sechs Siegel in der Reihenfolge wie in der Offenbarung beschrieben ausgelöst, anschließend erfolgt die Entrückung und erst dann – 3 1/2 Jahre später – wird der “Gräuel der Verwüstung” auf dem Tempelberg stehen.

Weil Jesus Seinen Jüngern alle drei Fragen beantwortet, lässt Er diese Zeit nicht aus, sondern erwähnt sie in einer etwas anderen Reihenfolge. Die Offenbarung wurde am Ende des ersten Jahrhunderts geschrieben. Deshalb wissen wir, dass Jesus bewusst zuerst vor, dann zurück springt. Damit erreicht Er zweierlei: Die Christen wurden vor der Zerstörung Jerusalems geschützt und uns heute, die wir kurz vor der Wiederkunft Jesu leben, hat Er gesagt, was wir zu erwarten haben.

Gehen wir also weiter in der Ölbergrede. Jesus kommt nun schließlich zur Entrückung und beschreibt, wie Er die Gemeinde zu sich holen wird.

31 Und er wird seine Engel aussenden mit starkem Posaunenschall, und sie werden seine Auserwählten versammeln von den vier Windrichtungen her, von einem Ende des Himmels bis zum anderen.Offenbarung 7,9: Entrückung der Gemeinde
9 Nach diesem sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, bekleidet mit weißen Kleidern, und Palmzweige waren in ihren Händen. 
10 Und sie riefen mit lauter Stimme und sprachen: Das Heil ist bei unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und bei dem Lamm!

Hier beschreibt Jesus die Entrückung. Er sammelt die Gläubigen aus allen Himmelsrichtungen und allen Enden der Erde her zu sich. Die gläubig Verstorbenen stehen wieder auf und gemeinsam stehen sie schließlich als entrückte Gemeinde vor dem Thron.

Kann Jesus nicht auch Seine sichtbare Wiederkunft am Ende der Zeit beschreiben?

Nein, ich glaube nicht. Prüfen wir dazu einmal die Offenbarung:

19 Und ich sah das Tier und die Könige der Erde und ihre Heere versammelt, um Krieg zu führen mit dem, der auf dem Pferd sitzt, und mit seinem Heer.
20 Und das Tier wurde ergriffen und mit diesem der falsche Prophet, der die Zeichen vor ihm tat, durch welche er die verführte, die das Malzeichen des Tieres annahmen, und die sein Bild anbeteten; die beiden wurden lebendig in den Feuersee geworfen, der mit Schwefel brennt. 
21 Und die Übrigen wurden getötet mit dem Schwert dessen, der auf dem Pferd sitzt, das aus seinem Mund hervorgeht, und alle Vögel sättigten sich von ihrem Fleisch. 

Offenbarung 19,19-21

Wir lesen hier, dass Jesus bei Seiner sichtbaren Wiederkehr den Antichristen, den falschen Propheten und die Menschen, die gegen Ihn gekämpft haben und/oder das Mal des Tieres trugen, besiegt und vernichtet. Während der Schalengerichte ist keine Bekehrung mehr möglich, wie ich in meiner Auslegung der Offenbarung festgestellt habe, deshalb gibt es bei der sichtbaren Wiederkehr Jesu keine Auserwählten mehr, die Seine Engel sammeln könnten. Diese Verse bestätigen das, weil hier keine Auserwählten genannt werden.

15 Und aus seinem Mund geht ein scharfes Schwert hervor, damit er die Heidenvölker mit ihm schlage, und er wird sie mit eisernem Stab weiden; und er tritt die Weinkelter des Grimmes und des Zornes Gottes, des Allmächtigen. 

Offenbarung 19,15

Vielmehr wird Jesus die Kelter treten als Zeichen für Sein endgültiges Gericht über die Menschen, die sich gegen Ihn gestellt haben.

In der Entrückung kommt doch nur Jesus allein ohne Engel

Dazu prüfen wir einmal die “Entrückungsprophetie” des Apostels Paulus:

15 Denn das sagen wir euch in einem Wort des Herrn: Wir, die wir leben und bis zur Wiederkunft des Herrn übrig bleiben, werden den Entschlafenen nicht zuvorkommen; 
16 denn der Herr selbst wird, wenn der Befehl ergeht und die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallt, vom Himmel herabkommen, und die Toten in Christus werden zuerst auferstehen. 
17 Danach werden wir, die wir leben und übrig bleiben, zusammen mit ihnen entrückt werden in Wolken, zur Begegnung mit dem Herrn, in die Luft, und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit. 

1. Thessalonicher 4,15-17

Ja, richtig: Paulus spricht nicht davon, dass Engel die Gläubigen sammeln. Allerdings müssen wir den Gesamt-Kontext beachten: Jesus sagt, dass Er Seine Engel “mit starkem Posaunenschall” aussendet (Matthäus 24,31). Paulus spricht von der Posaune Gottes, die geblasen wird. Auch wenn Paulus nicht von Engeln schreibt, können wir hier schon vom selben Ereignis ausgehen, denn die “Stimme des Erzengels” (Vers 16) wird wohl der Befehl an die Engel sein, die Gläubigen zum Herrn zu bringen. Beide Textstellen ergänzen sich also.

Der Hesekiel-Krieg kann nicht das sechste Siegel sein, weil beide Textstellen erhebliche Unterschiede aufweisen

Vergleichen wir einmal beide Stellen:

Hesekiel 38,19-23
19 Und ich sage es in meinem Eifer, im Feuer meines Zornes; wahrlich, zu jener Zeit wird es ein großes Erdbeben geben im Land Israel.
20 Die Fische im Meer werden vor mir erbeben, die Vögel des Himmels, die Tiere des Feldes, auch alles Gewürm, das auf dem Erdboden kriecht, und alle Menschen, die auf Erden sind. Auch die Berge sollen einstürzen, die Felswände fallen und alle Mauern zu Boden sinken. 
21 Ich will auch auf allen meinen Bergen das Schwert gegen ihn aufbieten, spricht GOTT, der Herr, sodass das Schwert eines jeden sich gegen den anderen richten wird. 
22 Und ich will ihn richten mit Pest und Blut; einen überschwemmenden Regen und Hagelsteine, Feuer und Schwefel will ich regnen lassen auf ihn und auf seine Kriegsscharen, auf die vielen Völker, die bei ihm sind. 
23 So will ich mich groß und heilig erweisen und mich zu erkennen geben vor den Augen vieler Völker; und sie sollen erkennen, dass ich der HERR bin! 
Offenbarung 6,12-17
12 Und ich sah, als es das sechste Siegel öffnete, und siehe, ein großes Erdbeben entstand, und die Sonne wurde schwarz wie ein härener Sack, und der Mond wurde wie Blut; 
13 und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde, wie ein Feigenbaum seine unreifen Früchte abwirft, wenn er von einem starken Wind geschüttelt wird. 
14 Und der Himmel entwich wie eine Buchrolle, die zusammengerollt wird, und alle Berge und Inseln wurden von ihrem Ort weggerückt. 
15 Und die Könige der Erde und die Großen und die Reichen und die Heerführer und die Mächtigen und alle Knechte und alle Freien verbargen sich in den Klüften und in den Felsen der Berge, 
16 und sie sprachen zu den Bergen und zu den Felsen: Fallt auf uns und verbergt uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes! 
17 Denn der große Tag seines Zorns ist gekommen, und wer kann bestehen? 

Hier haben wir Parallelen (das Erdbeben und die Furcht der Völker), aber auch Unterschiede. Wieso kann aber trotzdem der Hesekiel-Krieg im sechsten Siegel beschrieben werden?

Unterschiedliche Perspektiven

Beide Propheten – Hesekiel und Johannes – sehen das Handeln Gottes aus unterschiedlichen Perspektiven. Hesekiel ist “erdgebunden”. Er sieht das Handeln Gottes auf der Erde. Johannes dagegen sieht die Auswirkungen vom Himmel aus – genau übrigens wie Jesus in der Ölbergrede, weshalb Er fast die gleichen Worte wie Johannes benutzt. Beide Propheten haben also unterschiedliche Schwerpunkte.

Was die Prophetien verbindet
  • Hesekiel und Johannes sehen ein schweres Erdbeben
  • Beide Propheten berichten von der Furcht der Völker. Hesekiel schreibt das zwar nicht explizit, aber Gott stellt klar, dass die Menschen erkennen, dass Er der Herr ist. Johannes dagegen beschreibt die Furcht der Völker.
  • Aus Hesekiel erfahren wir, dass Gott mit “überschwemmendem Regen, Hagelsteinen, Feuer und Schwefel” die Armeen richtet. Das könnte der Beschreibung des Apostels entsprechen, der von der “Sonne, schwarz wie ein härener Sack” und einem “Mond wie Blut” berichtet.
Warum das sechste Siegel?

Trotz aller Widersprüche bleibe ich dabei, dass der Hesekiel-Krieg dem sechsten Siegel entspricht. Ich kenne keine andere Situation in der Prophetie, wo der Hesekiel-Krieg sonst hineinpassen könnte. Israel heizt sieben Jahre lang mit den erbeuteten Waffen (Hesekiel 39,9). Eine Sieben-Jahres-Zeit gibt es sonst nirgendwo, nur in der letzten Jahrwoche.

Heute gibt es keine Waffen aus Holz. Ich vermute deshalb, dass Israel nach der Vernichtung der gegnerischen Armeen deren Treibstoffe nutzen wird, vielleicht auch ihre Autos und sogar Flugzeuge und Hubschrauber, um in die Wüste zu fliehen, was die Offenbarung mit den “Flügeln des großen Adlers” meint (Offenbarung 12,14).

Ich gebe zu, das sind keine “durchschlagenden” Argumente, aber so passt der Hesekiel-Krieg in meine Auslegung. Allerdings ist es letztlich egal, ob das sechste Siegel den Hesekiel-Krieg beschreibt oder nicht. Meine Auslegung bleibt davon unberührt.

Fazit

Ich war schon immer der Meinung, dass die Entrückung nach den Siegelgerichten stattfindet und war natürlich erfreut, dass die Ölbergrede diese Ansicht bestätigt. Jesus sagt nämlich – wie wir das gesehen haben – dass die Gemeinde die Siegelgerichte erlebt und erst nach dem sechsten Siegel entrückt wird.

Obwohl ich noch nie daran gezweifelt habe, dass die Bibel keine Widersprüche oder Fehler enthält, war ich doch von der genauen Übereinstimmung beider Prophetien überrascht. Auch Jesu Weitsicht hatte mich begeistert, mit der Er Seine Kinder – egal, in welcher Zeit sie leben – im Blick hat. Die Christen damals hat Er vor der Zerstörung Jerusalems bewahrt – und uns heute sagt Er, was bald geschehen wird. Allein zu wissen, was kommen wird und dass unser Herr alles im Griff hat, ist für uns, die wir an Ihn glauben, ein Segen.


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